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Startup-Vorstellung: Bacchus Software
08.08.2022

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Gemeinsam mit seinen zwei Mitgründern hat Philipp Bletzer das Startup Bacchus Software ins Leben gerufen. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, den Weinbau zu digitalisieren und revolutionieren. Mithilfe seiner Lösung wird die Organisation von Weingütern, deren Pflanzenpflege und auch die Ernte nicht nur einfacher und übersichtlicher, sondern auch effizienter. Zuvor studierte er den Master der Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim und wurde direkt nach seinem Abschluss Mitglied bei ABSOLVENTUM. Mit uns sprach er über den Prozess des Gründens, die Herausforderungen, die er bewältigte und die Bedeutung, die Netzwerke bei alldem haben.

Wie ist deine persönliche Verbindung zu Wein und Weinbau?
Ich bin Pfälzer und komme aus einem kleinen Weinort in der Pfalz, ganz in der Nähe von Bad Dürkheim. Als Pfälzer kommt man gar nicht um das Thema Wein herum, vor allem wenn der eigene Großvater – so wie bei mir – als Winzer gearbeitet hat bzw. auch nach der Rente mit Ende 80 noch seine eigenen Reben bestellt. Schon als Kind und Jugendlicher war ich oft mit ihm in den Weinbergen unterwegs und habe ihm geholfen. Die Weinberge sind auch jetzt noch in unserem Besitz, jedoch verpachtet an andere Winzer.

Wie kam es dann, dass daraus ein Startup wurde?
Der erste Funke hat sich entzündet, als ich mich während meines Studiums mit einem sehr guten Freund, der Winzer ist, über seinen Arbeitsalltag unterhalten habe. Er führt einen relativ großen Betrieb – der meines Opas war im Vergleich dazu relativ klein. Als er mir dann von den diversen Zetteln und Karten erzählt hat, die sie zur Organisation nutzen, haben bei mir sämtliche Alarmglocken geklingelt und mir war klar: Hier besteht großer Digitalisierungsbedarf. 2019 habe ich dann an einem Kurs des MCEI teilgenommen, der „Creativity and Entrepreneurship in Practice“ hieß. Dort sollte man gemeinsam mit einem Team eine Idee von Grund auf entwickeln und ich habe meine in den Raum geworfen. Gemeinsam mit ein paar KommilitonInnen habe ich über das Semester hinweg daran gearbeitet. Am Ende des Semesters war ich der Einzige, der richtig damit weitermachen wollte, denn die anderen waren teilweise Austauschstudierende oder solche, die eigentlich keinen Bezug zum Weinbau hatten.

Wie ging es dann weiter?
Ich habe mir dann einen Freund, den ich schon aus der Schulzeit kannte, sozusagen dazu geholt. Von ihm wusste ich, dass er nicht nur Softwareentwickler, sondern auch vom Weinbau begeistert ist. Er hatte dann auch direkt Lust, also haben wir gemeinsam angefangen, die Software zu entwickeln. 2020 hat uns das MCEI dann angesprochen, ob wir an dem Folgekurs „Entrepreneurial Spirit“ teilnehmen wollen. Dort ging es darum, an einem bereits bestehenden Startup weiterzuarbeiten. Die Teilnehmenden des Kurses können aber auch ohne eigenes Startup mitmachen und dann bei einem bestehenden Startup mitarbeiten, sprich sie können eine Art einsemestriges Praktikum im Startup absolvieren. Für uns hat sich ein MMM-Student interessiert und das Semester über bei uns gearbeitet – das großartige daran war auch, dass sein Vater ein Weingut in Sachsen führt. Von daher war das wirklich ein „perfect Match“.

Und der ist dann so richtig bei euch eingestiegen?
Genau, er war dann so begeistert, dass wir ab Mitte 2020 dann zu dritt waren. Er hat beim Business Development und beim Vertrieb mitgearbeitet, hatte also den ganzen Kundenkontakt. Wir anderen beiden haben uns weiter hauptsächlich der Software-Entwicklung gewidmet und versucht, ein Produkt zu bauen, was diesen berühmten „Problem-Solution-Fit“ hat. Und das hat sich als gar nicht so einfach herausgestellt, wie ich am Anfang dachte.

Was waren die Herausforderungen, denen ihr begegnet seid?
Die Anforderungen der Winzer sind zum einen sehr komplex. Vor allem sind sie aber auch sehr divers, weil sie ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche an so eine Software haben. Das hat es uns relativ schwer gemacht, ein Produkt daraus zu stricken, das alle ihre Probleme löst. Wir wollten eine Standardsoftware anbieten, quasi wie die SAP – die Alternative wäre natürlich, eine jeweils individuelle Software zu entwickeln, das ist aber sehr viel Arbeit und sprengt das Budget der Winzer. 2020 haben wir also genutzt, um ein Produkt zu entwickeln, von dem wir glaubten, dass es Marktreife hat und es im Frühjahr des nächsten Jahres auf den Markt gebracht. Auch hier hatten wir einige Hürden zu meistern und uns vor allem gegenüber den bestehenden Alternativen zu behaupten. Der größte Konkurrent war nicht irgendein anderer Anbieter von Software für Winzer, sondern: Excel. Die Tabellen, die verwendet wurden und werden, sind über Jahre hinweg gewachsen und die Winzer haben sich daran gewöhnt. Wir haben weiter probiert, unseren Mehrwert herauszustellen und an der Lösung geschraubt – allerdings hat uns die Funktionalität, die wir entwickeln wollten, überfordert. Das war für uns tatsächlich zu kompliziert, das konnten wir nicht leisten. Zwischendurch war mein Mitgründer auch ausgestiegen und Ende 2021 musste auch der dritte im Bunde gehen, da er in den Familienbetrieb in Sachsen einsteigen musste. Ich stand also im Grunde wieder alleine da – und dann hatte ich großes Glück.

Wie das?
Inzwischen hatte ich bzw. hatten wir vielfältige Kontakte aufgebaut und waren gut vernetzt, so zum Beispiel zum Weincampus in Neustadt an der Weinstraße. Einer der Professoren, mit denen wir bereits zuvor zu tun hatten, hat den Kontakt zu jemandem hergestellt, der bereits eine derartiges System entwickelt hatte. Sprich es gab ein fertiges Produkt, das auch tatsächlich schon bei ein paar Weingütern im Einsatz war. Der Programmierer – mein jetziger Mitgründer und Kollege Kay Kühne – hatte aber wenig Lust, sich mit dem Thema Vertrieb und Marketing auseinander zu setzen. Wir sind also ins Gespräch gekommen und das hat sehr schnell sehr gut gepasst. Das Programm ist richtig gut, er hat es aber nur so nebenher betrieben – es hatte zum Beispiel auch gar keinen richtigen Namen. Allerdings hatte es genau die Funktionalität, an der wir in den Jahren davor gebastelt hatten und noch extrem viel unentdecktes Potential.

Seit Anfang dieses Jahres arbeitet ihr nun zusammen an dem Produkt?
Genau. Vorher haben wir noch einen Dritten ins Boot geholt, einen Freund von ihm, der ebenfalls Softwareentwickler ist und ihm auch schon paar Mal geholfen hatte, das System zu entwickeln. Beide hatten zuvor am KIT studiert. Die ersten Monate des Jahres haben wir genutzt, um nochmals an einigen Stellschrauben zu drehen, einige Kleinigkeiten zu optimieren und auszubauen. Inzwischen bin ich nicht mehr der Softwareentwickler – auch wenn mir mein Programmier-Wissen immer noch sehr hilft – sondern zuständig für Business, Marketing, Vertrieb. Ich mache jetzt also sozusagen nicht mehr den Informatik-, sondern den Wirtschaftsteil meines Studiums, was mir auch großen Spaß macht.

Erzähl mal, wie genau funktioniert Bacchus?
Grundsätzlich soll unsere Lösung es den Betrieben vereinfachen, die ganze Arbeit in den Weinbergen zu koordinieren und zu überwachen. Denn beim Weinbau ist es ja ganz anders als im Büro, wenn man kurz ein Zimmer weiter geht und die KollegInnen fragt, was der Stand bei Projekt XY ist. Vielmehr sind alle Angestellten überall auf den verschiedenen Anlagen verteilt. Das alles zu koordinieren und den Überblick zu behalten ist eine riesige Herausforderung. Genau hier setzt unser Produkt an: Zum einen gibt es das Flächenmanagement-System. Dort sind alle Weinbergflächen mit ihren Geodaten im System abgespeichert, mitsamt allen Informationen, die den speziellen Weinberg betreffen – sprich, was für eine Rebsorte dort gepflanzt ist, wann er gepflanzt wurde und so weiter. Dazu haben wir außerdem ein Tracking System, das aus einem Tablet und entsprechender App besteht, das in jedem Traktor installiert ist. Dabei handelt es sich im Grunde eine Cloud-Anwendung, die immer wieder die Standorte von den verschiedenen Tablets einsammelt, sodass man am Ende des Tages genau sieht, wie weit man zum Beispiel mit einer bestimmten Pflanzenschutzmaßnahme gekommen ist. So weiß man auch, an welcher Rebe am nächsten Tag weiter gemacht werden muss. Es vereinfacht den ganzen Prozess wirklich enorm, wenn man zum Beispiel als ChefIn nicht mehr überall hinfahren und nachschauen muss oder ständig per WhatsApp oder Telefon kommuniziert und der Fortschritt händisch in Excel vermerkt werden muss. Denn da können viele Fehler passieren, die mit Bacchus vermieden werden. Als letztes haben wir auch noch eine Art Kostenrechner, das heißt der Winzer kann genau hinterlegen, was ihn der Traktor kostet, was ihn der Mitarbeiter kostet und was ihn die Maschine kostet. Und unsere Software rechnet dann aus, wie hoch die Kosten für welche Maßnahmen sind, sodass Kosten und Ertrag gegenübergestellt werden können und der Gewinn ermittelt werden kann.

Wie läuft es jetzt mit eurem Programm?
Ich habe direkt angefangen, meine alten Kontakte aufzuwärmen und mit den verschiedenen Winzern nochmals ins Gespräch zu kommen. Die waren überwiegend echt begeistert und sehr angetan von unserem Produkt. Seit Anfang des Jahres konnten wir relativ schnell relativ viele KundInnen für uns gewinnen. Ich würde sagen wir drei haben uns gesucht und gefunden und nach all den Hochs und Tiefs, aus denen ich viel gelernt habe, kommen wir nun gut voran. Inzwischen setzen auch viele renommierte Weingüter Bacchus ein, beispielsweise Heinz Pfaffmann aus Wahlsheim, die bereits von Anfang an mit dabei waren und eines der größten Bio-zertifizierten Weingüter Europas sind. Auch das biodynamische VDP Weingut St. Antony aus Nierstein setzt unser Programm bei ihrer täglichen Arbeit ein.

Bei all dem konnte sicher auch dein Großvater dir helfen, oder?
Auf jeden Fall. Auch wenn er natürlich keinen Zugang zu digitalen Themen hat, konnte er mich bei Fachfragen sehr unterstützen. Wenn ich tieferes Fachwissen brauchte, zum Beispiel zum Pflanzenschutz von Weinreben oder auch generelle Einblicke in doch recht komplexe Bewirtschaftungs-Themen. Dadurch, dass er sein Leben lang als Winzer in der Pfalz gearbeitet hat, ist er natürlich sehr gut vernetzt und konnte mir viele Kontakte vermitteln. Das Netzwerk der Winzer in Deutschland ist wirklich riesig! Ein Winzer aus Bad Dürkheim ist zum Beispiel sehr gut mit einem Winzer aus Nierstein befreundet, mit dem ich auch schon gesprochen habe. Es läuft einfach sehr viel über Kontakte und wenig über Kaltaquise. Zudem sind viele meiner Schulfreunde heute Winzer, mit denen konnte ich mich auch immer sehr gut austauschen und von ihnen lernen. Auch die Tatsache, dass wir in diesem Jahr zum dritten Mal eine Gastvorlesung an der Hochschule in Neustadt halten, hilft – das macht nicht nur Spaß, sondern wir haben auch direkt jede Menge Jungwinzer direkt vor der Nase.

Netzwerke sind also das A und O?
Absolut! Deren Wert sollte man sowieso nie unterschätzen. Auch ABSOLVENTUM ist hier Gold wert: Ich bin als Mentee bei einem Herrenrrn, der ebenfalls Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim studiert, bei mehreren Startups gearbeitet und sogar selbst eines gegründet hat. Auch meine zweite Mentorin arbeitet im Business Development in einem Startup. Der Austausch ist wirklich toll und ich lerne einfach wahnsinnig viel!

Was sind eure Zukunftspläne für Bacchus?
Natürlich weiter zu wachsen und Bekanntschaft zu erlangen, auch über die Pfalz und Rheinhessen hinaus. Und auf lange Sicht auch, dass wir uns aus Bacchus finanzieren können. Im Moment haben wir alle drei noch andere Jobs, die wir dann in Teilzeit machen – ich arbeite zum Beispiel an der Hochschule Mannheim. Dort bin ich im Startup-Center MARS, also im MCEI-Pendant, für digitales Entrepreneurship zuständig, mache Lehre und auch Coaching. Und auch wenn mir das Spaß macht, möchten wir doch gerne so viel Umsatz machen, dass wir uns voll auf unser Startup fokussieren und unsere volle Arbeitskraft investieren können – so können wir Bacchus noch weiter voranbringen. Denn das war und ist ja die Motivation, warum wir das alles machen: Weil wir den Weinbau voranbringen und ihn bei der Digitalisierung unterstützen wollen.

Herzlichen Dank an Philipp Bletzer für dieses interessante Interview! Besuchen Sie hier die Webseite.

Text: Selina Supper

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